Von Sprücheklopfern und anderen Vögeln – Nostalgiebeitrag für Anja

Wir ernten, was wir säen…

Es ist schon erstaunlich, wie viele Sprichworte es gibt und wie viele von ihnen plötzlich eine Bedeutung in meinem Leben bekommen. Das macht mir Angst. Werde ich jetzt wirklich langsam alt? Muss ich mir nun ein Phrasenschwein aufstellen und werde pro gedachtes Sprichwort am Ende meiner Tage doch noch eine Rente erhalten? Eine, die ich mir selbst gezahlt habe, weil ich plötzlich mit Sprüchen um die Ecke denke, für die ich mich früher aus dem Munde meiner Eltern abgrundtief hätte in den Boden schämen können? Fremdschämen war sowieso schon immer genau meins. Kann ich auch heute noch gut. In etwa auf dem gleichen Niveau wie schadenfreudig sein. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.

Naja, wie dem auch sei, vielleicht muss ich einfach akzeptieren, dass das Leben so ist, dass auch kleine Mädchen irgendwann einmal älter werden und plötzlich nach Sinn in ihrem Verweilen suchen und nicht mehr nur so vor sich hintreiben. Da werden dann auch gerne mal alte Zitate ausgeschlachtet, die dem ganzen Getue und Gemache, diesem ganzen Blödsinn, den man so veranstaltet, einen Grund geben. Verstehen kann man das Leben nur rückwärts, leben muss man es aber vorwärts.

Wie ich also so daneben stehe, während meine Freundin in irgendeinem Laden, der unsinniges und buntes Zeugs verkauft, die wichtigste Frage des Jahres zu klären hat, welche Ohrringe genau nun tatsächlich stimmig zu ihrem Outfit sind, welches sie auf der alljährlichen Weihnachtsfeier ihrer Firma anziehen will und sich in ihrer Konzentration äußerst gestört sieht, da nicht sichtbar, aber mindestens gefühlt an unseren Ohren klebend, ein Kind wie am Spieß brüllt „Mama! Komm doch mal! Mamaaaaa! Komma! Ich muss dir was zeigen!“, fällt mir dieser eine Spruch ein „Man erntet, was man sät! Ich bin ja felsenfest davon überzeugt, dass Eltern exakt die Kinder bekommen, die sie verdienen. Wohl mit ein Grund, warum ich mich um dieses Thema auch noch nicht näher gekümmert habe. Besser is… Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

Mittlerweile bricht sich auf dem Gesicht meines Schneggchens der Wunsch Bahnen, dieses wohl taube Muttertier an den Haaren durch die Gänge zu ihrem Heularien singenden Kind zu schleifen, derweil ich, abgehärtet durch meine Kindheit – zwei kleine Brüder – abdrifte in die Tiefen meines Kopfes. Leider finde ich dort gerade aktuell nur die Endlosschleife meines letzten Dates, welches ich mir im Vorfeld auch schon hätte sparen können, denn im Grunde weiß ich mittlerweile nur zu genau „what starts in chaos ends in chaos“.  Aber: wer nicht hören kann, muss fühlen!

Jedenfalls, wie ich da so stehe und in meinem Kopf versinke, weil mir „Jacqueline“ langsam auch ganz gehörig auf den Zwirn geht, fällt mir mit einem Male auf, dass sich besagtes Date super mit „Wir ernten, was wir säen“ verbinden lässt. Beinahe hätte ich mich an meinen eigenen Gedanken verschluckt, so erschrocken bin ich darüber, es fällt mir geradezu wie Schuppen von den Augen, dass dieser Mann da also, dass dieser Mann, den ich glaubte, nicht verstehen zu können in seinen Beweggründen, in seinen Äußerungen, dass dieser Mann da also genau die gleichen Sätze rausgehauen hatte, wie ich einst vor noch nicht all zu langer Zeit.  Ein absolut, perfekter Spiegel meiner selbst.

„Du kannst mir gefährlich werden!“ – „Leider bist du nicht nur optisch mein Typ, sondern auch noch intelligent dabei!“ – „Eine wirkliche Beziehung können wir gar nicht führen, weil es eine unüberbrückbare Entfernung von 60 km zwischen uns gibt!“ Das nenn ich mal Komplimente, woll?! Diese Erinnerungsfetzen würgen sich empor, wie Wortkotze kommen sie eins nach dem anderen zum Vorschein, mir viel zu vertraut, da eben nicht nur gehört, sondern auch bereits schon gesagt. Wer etwas nicht will, findet Gründe, wer etwas will, findet Wege.

Diese ganzen negativen Begleitworte hatte auch ich anderen Männern bis zum Exzess an die Stirn getackert. Hatte sie wahnsinnig gemacht mit meinen tausend Stoppschildern um mich herum, mit dem Suchen nach dem Haar in der Suppe, weil ich mir vorher schon darüber klar war, dass aus dieser Liaison nichts ernsteres hat werden können, jegliches Fehlverhalten eine grande catastrophe, die mir klar zeigte, nein, mein Freund, das passt hier ganz und gar nicht mit uns. Wie soll das denn nur werden, wenn da eine Beziehung raus entsteht, wenn das jetzt schon so anfängt. Wenn du jetzt  schon Fehler und Macken hast, wo es doch so viele andere Menschen gibt, die hochglänzend wie Katalogprodukte um ihre Gunst werben und vielleicht viel perfekter passen würden. Ablauf anhalten, Programm abbrechen, Speicher löschen, Neustart.

Tausend aberwitzige Gründe hatte ich mir einfallen lassen, warum das nicht funktionieren konnte, ohne dem Gefühl zu folgen. Lieber mit Händen und Füssen gegen mögliches Glück wehren, als sich verletzlich machen, in dem man sich öffnet. Aus dem heutigen Blickwinkel bekomme ich bald den Eindruck, unbewusst Stolpersteine und Drähte gespannt zu haben, die den derzeit aktuellen Mann irgendwann ins Straucheln haben bringen müssen und ich hab da gestanden und gedacht „Ha! Ich habs doch gewusst, hab ichs doch gewusst!“ Schluss, Aus, Ende, Basta! Vorbei!

Wer sich jetzt in einer Analyse darin versuchen will, dem sei gesagt, ja, ich hatte durchaus ein klitzekleines, kaum nennenswertes, winziges Nähe-Distanz-Problem.

Seit ich das abgeschafft habe, denn man kann ja alt werden, wie eine Kuh, man lernt immer noch dazu und beim Straßenverkehrsamt Selbstanzeige erstattet und denen die ganzen Stoppschilder zurück gebracht habe, gab es tatsächlich nur die Dates mit dem oben erwähnten Herren. Was seltsam, bisweilen sogar wunderlich ist, denn zu den „Hasch mich, ich bin der Frühling Zeiten“, da trainierte ich beinahe schon für das Guinness Buch der Rekorde im Marathon-Dating. Jedenfalls muss ich in dieser Männerpause, die ich einlegte, meine Probleme verloren haben, über die ich bis vor Kurzem auch immer noch nachgrübelte und nach einer Lösung verlangte, bis ich nun feststellen musste, irgendwo auf dem Weg hier hin sind mir diese Probleme abhanden gekommen. Was im Grunde ganz gut ist, denn eine Lösung hätte ich bis heute eh nicht dafür gehabt. Alles kommt zu dem, der warten kann.

Mir ist noch nicht ganz klar, warum mich diese Erkenntnis nun wie ein Bumerang getroffen hat, warum genau ich jetzt mir selbst in einem anderen Menschen begegnete, aus purem Lernzweck kann es nicht sein. Ich hege jedoch ganz stark den Verdacht, dass sich auch dafür ein Sprichwort finden lässt, welches mir den Sinn dazu erklären will. Bisweilen schaue ich dem geschenkten Gaul nicht ins Maul oder so.

Denn es ist irgendwie schön, dass sich so langsam durch die Erfahrung des ganzen blödsinnigen Gemaches und Getues, welches man da so anstellt, nicht nur sagen lässt, was man nicht mehr will, sondern die Definition dessen, was man will, immer besser greifen lässt.

Ich will nicht gefährlich oder leider sein. Ich will nicht abgewertet ob meiner Schwächen und Fehler werden, denn diese machen mich liebenswert, chaotisch, nicht einfach, nicht immer zu verstehen, vielleicht manchmal zu aufregend, dafür aber nie langweilig. Ich will, dass ich irgendwann einmal auf einen Menschen treffe, der sich Wege einfallen lässt, um Zeit mit mir zu verbringen, für den ich gerade richtig bin und der froh darüber ist, dass ich ihm nicht nur etwas für sein Auge biete. Einen Menschen an meiner Seite, der auf sein Gefühl vertraut und nicht auf die Stoppschilder in seinem Kopf hört aus lauter Angst, sich selbst in dem anderen zu verlieren. Ist das nicht erst die wahre Freiheit, dass man dem anderen das Mensch sein zugestehen kann? Das ist es, was ich will.

Und wehe, jetzt ruft hier einer:  Kinder, die was wollen….

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