Von Fußbällen, Graustufen und unvergesslichen Küssen.

Gestern auf dem Weg zum Fußball, kamen wir am Kino vorbei. Ein wenig auffällig war, dass nur gackernde Hühner am und um das Kino herumstanden. Und da waberten auch schon die ersten Sätze um mich herum: Shades of Grey, Shades of Grey. Echo, Echo, Echo.
Irgendwie hatte ich es verdrängt, dabei werde ich eigentlich täglich als Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel davon belästigt, da entkommste ja einfach keinem Gespräch.
Noch auffälliger war, dass es sich bei den Besucherinnen des Kinos um zwei Gruppierungen handelte. Sehr, sehr junge aufgeregte und hüpfende Mädchen, die den Film schon 30 Mal gesehen haben in 5 Tagen und etwas angealterte Girlies mit viel Bling Bling und Klappkaribikbräune im erwartungsvollen Gesicht.
Der Mann an meiner Seite machte sich ein wenig lustig und hatte seinen Spaß. Ich derweil überlegte auf dem Weg zum Fußballspiel, warum diese Bücher eigentlich einen derartigen Reiz ausüben.

Vorab muss ich mich outen. Ich habe Shades of Grey nicht gelesen. Das ist jetzt vielleicht auch nicht unbedingt der beste Einstieg, um darüber zu schreiben. Aber egal.
Ich habe ein kleines Hypeproblem. Da kann ich einfach nicht aus meiner Haut. Alles, was Hype ist, lehne ich strikt ab. Da fahren vollautomatische Schranken in meinem Gehirn runter und alles zeigt Error. Nix geht mehr. Jetzt bin ich grundsätzlich kein Kostverächter an – meiner Meinung nach – guter Literatur oder aber Unterhaltungsromanen, generell hab ich auch kein Problem mit Frauenerotikbüchern, davon gibt es nur zu wenige. Also zwanghaft quergelesen in der Buchhandlung. Was mir da auf entgegensprang, langweilte mich leider zutiefst. Die Bücher sind öde und auch schlecht geschrieben. Ein packendes Buch kannste an einer beliebigen Seite aufschlagen und dich reinlesen und irgendwas zieht dich an oder mit. Hier zog nix, hier stieß ab. Dazu kommt, dass die drei Teile natürlich auch einen sehr hervorsehbaren Plot haben. Da stoße ich keinen spitzen Schrei aus und denk mir: Fuck, welch Wendung!

Um es ganz platt zu sagen, ich glaube ja persönlich, dass die etwas angealterten Girlies von den Büchern angezogen werden, wie eine Katze vom Karton, hat damit zu tun, dass alle von ihnen mindestens irgendwann mal in ihrem Leben, einen wilden, unbezähmbaren Kerl kennenlernten, der sie nicht wollte. Und viel hilft da viel in den meisten Fällen, denn du bekommst Ratschläge und Anweisungen von allen Seiten, ob erwünscht oder nicht. Die Männer nennen das übrigens Pickup. Alter Hut für alle Frauen, auch wenn ihr euch echt hübsche Namen einfallen lassen habt. Wingman lässt grüßen. Klassiker: willst du gelten, mach dich selten.

Um das Buch also runterzubrechen auf den Inhalt. Ein sehr schüchternes Weib verliebt sich in einen Kerl, der Kerl übt seichten SM aus, Frau macht mit, obwohl sie nicht weiß, ob sie das will, findet das dann aber auch ganz gut, den Kerl aber noch mehr. Der Kerl ist aber ein heißer Mustang und lässt sich nicht einfangen, also fängt Frau an, den Spieß umzudrehen und ist hinterher der Vamp schlechthin.

In den Moment wissen wir dann auch, wir sind in der Abteilung Märchenbuch.
Mein Appell an die jungen Mädchen an dieser Stelle: Bitte glaubt das nicht, tut es einfach nicht, niemals. Es wird nicht so sein. NIE!
Logikfehler 1: Wenn ihr besonders schüchtern seid und geratet an einen Mann, der euch dominiert, werdet ihr in den allerseltesten Fällen plötzlich wie Phoenix aus der Asche kommen und euch wird nicht das Selbstbewußtsein aus dem Arsch platzen. Wirklich nicht. Es wird eher so sein, dass ihr noch weniger Selbstwert habt, als vorher schon.
Logikfehler 2: Wenn ihr einem Mann mit Lug, Tricks und List mitteilen müsst, dass ihr die wahre Frau an seiner Seite seid, dann taugt das nix. Ist so. Dieser ganze Pickup Mist mag auf den kurzen Moment helfen, aber verkehrt sich direkt ins Gegenteil, wenn ihr wieder euren eigenen Charakter durchblitzen lasst. Und ehrlich, auf Dauer zum Arsch mutieren, das will doch keiner. Liebe ist Chemie oder anders Hormone, das kannste nicht steuern, da kannste dich noch so für ins Ego schmeißen. Man muss keinen Mann „überreden“ oder „steuern“. Die wissen in der Regel auch sofort, ob sie das Weib wollen und wofür.
Logikfehler 3: Du kannst einen Freigeist nicht zähmen. Das geht nicht. Du kannst ihm die Flügel für einen Moment stutzen und es mag auch so aussehen, als wäre er mit der Situation eins geworden, aber du kannst dir sicher sein, eines Tages wird er ausbrechen. Du legst einem Freigeist keine Leine an. Einen Freigeist lässt du kommen und gehen und genauso sein, wie er ist. Und wenn er wieder zu dir zurück kehrt, dann macht er das, weil er dich liebt. Aus keinem anderen Grund, wie ein Streuner, der zu dir kommt, weil du ihm Futter gibst.

Eine nette Aufforderung richte ich noch schnell an die Männer, bevor ich mich an die Danksagungen des heutigen Tages mache. Anhand der vielen Besucherinnen lässt sich doch eines wirklich gut ableiten. Nein, jetzt kommt nicht, alle Frauen stehen auf SM. Ich hab den Film ja nun nicht gesehen, aber ich glaube SM geht anders.

Jedenfalls viele Frauen sind „An die Wand stell Mädchen“. Sie lieben es überrumpelt zu werden, mit Küssen, mit Überraschungen, mit Sex. Anfängliches Rumgejanke darf gerne überhört werden und stellt keine direkte Ablehnung dar. (Wir reden nur von Paaren, dies soll keine Aufforderung zur Vergewaltigung sein) Der spielerische Aspekt ist wohl der wichtigste im ganzen Film. Spannungsaufbau. Der gehört zum Paar genauso wie zu einem Buch oder einem Film. Dahingeplätscher oder Vorhersehbarkeit mögen wir da auch nicht.
Gerne gebe ich euch ein Beispiel. Zu meiner Blütejugendzeit gab es in unserer Dorfdisko – dem Point One – einen etwas älteren Herren, dem ich wohl irgendwann ins Auge fiel. Fortan beglückte er mich mit netten und nicht so netten Begrüßungsfloskeln, wann immer wir uns sahen. Mal sagte er mir mit Zwinkern in den Augen, ich wäre ihm zu jung, zu flachbrüstig, zu keck, whatever, während ich dann lächelnd auf seinen rundlichen Bauch guckte und meinte, ach ich steh auch nur auf Männer mit Bauchmuskeln oder mit Haaren, die er nicht hatte oder whatever. Da ich mich mäßig beeindruckt zeigte, auch wenn innerlich darüber grinsend, änderte er die Strategie. So saß er einfach da an der Theke und ließ ein Weib auf ihn niederquatschen, sah mir dabei zu, wie ich mein Bier bestellte und flüsterte mir ins Ohr, dass er es ja mag, wenn eine so tut, als wäre sie nicht interessiert. Es gäbe ja nichts Schlimmeres als diese Schmeißfliegenfrauen, kurzer Blick zur Quatschtante, die immer noch auf ihn einplapperte, Augen wieder auf mich geheftet, Lächeln von ihm, Lächeln von mir.  Über die Zeit kamen wir immer mehr ins Scherzen, mal intensiver, mal kurz und knackig, mal gar nicht, ich freute mich immer schon regelrecht, ihn in der nächsten Woche wieder zu sehen und wenn nicht, war ich fast schon enttäuscht und eines Tages geschah, was geschehen musste und uns Beiden von Anfang an klar war. Eines Pointabends – der Alkohol hatte meine Glieder schon müde gemacht – hat dieser Typ mich aus dem Nichts heraus völlig überraschend an eine Wand gehoben und geküsst, als hinge sein Leben davon ab. Oh, da war ich aber wach, so wach wie selten zuvor. An diese Küsse kann ich mich bis heute noch detailliert erinnern, sie waren voller Leidenschaft, voller Mehr, voller Wollen. Der Spannungsbogen, den er seit Wochen gezogen hatte, war bis aufs Äußerste gespannt. Und wie soll ich es sagen, fortan habe ich mir immer wieder einen solchen Mann gewünscht. Es hat das ein oder andere Mal geklappt.

Jetzt wird der ein oder andere vielleicht aufschreien, ja aber Hallo, das was der Pointtyp da tat, das war doch aber Pickup vom Feinsten und vorhin noch, ja vorhin noch haste doch gesagt, ist alles Mist und siehste, ha, ja siehste, biste selber reingegefallen. Nee, Jungs, es gibt einen Unterschied zwischen Schein und Sein, aber das lernt ihr auch noch. Und es gibt sowas wie Respekt und Anstand und davon können sich viele euch ruhig etwas mehr abgucken.

Insofern hat Shades of Grey für mich zumindest doch etwas Gutes. Ich erinnere mich wieder an dich, du der für alle nach dir die Limbostange niedrig hielt. Ich hoffe, es geht dir gut, wo auch immer du bist. Bestimmt mit Frau und zehn Kindern irgendwo auf einem Bauernhof. Ich lach mich weg…
Das Fußballspiel haben die Jungs übrigens leider verloren, daher störte den Mann an meiner Seite das gackernde Kinovölkchen nicht mehr wirklich auf dem Heimweg. Mich übrigens auch nicht, denn es regnete in Strömen.

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